Marchtaler Plan

(siehe auch: http://www.schulstiftung.de)


Bezeichnung für das allgemeine Erziehungs- und Bildungskonzept sowie die unterschiedlichen Lehr­pläne für allgemeinbildende Katholische Freie Schulen, Internate, Kindergärten u.a.m. in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Marchtaler Pläne liegen für folgende Einrichtungen vor: Kindergarten, Grund- und Hauptschule, Werkrealschule, Realschule, Gymnasium (z.Zt. bis einschl. Klasse 11), Studienakademie, Marchtaler Internat, Sonderschule (E), Fachschule für Sozialpädagogik.


Für Lehrkräfte, die an o.g. Schulen unterrichten oder künftig arbeiten wollen, werden unabhängig von ihrem jeweiligen Lehramt als Einarbeitungs- und/oder Fortbildungsmöglichkeit die Marchtaler Fernstudien (Band 1-9) mit einem Abschlußzertifikat bereitgestellt. Diese Fernstudien sind gleichermaßen sowohl theoretisch/fachwissenschaftlich als auch praktisch/methodisch ausgerichtet.


Alle vorgenannten Konzepte, Lehrpläne u.a.m. wurden von 1983 ab an der Kirchlichen Akademie der Lehrerfortbildung in 89611 Obermarchtal (ca. 45 km südwestlich von Ulm) entwickelt. Sie sind allesamt der Versuch, eine je eigenständige, vor allem aber schulpädagogisch konkrete Antwort für den Auftrag zu ganzheitlich personaler, letztlich im Glauben wurzelnder Erziehung und Bildung zu finden, wie sie die Declaratio de educatione christiana (Art. 9) des II. Vatikanischen Konzils einfordert.


Die gemeinsamen Grundelemente der verschiedenen Marchtaler Pläne im Bereich der allgemeinbildenden Schulen sind der Morgenkreis, die Freie Stillarbeit (FSA) bzw. ab Kl. 9 die Freien Studien, der Vernetzte Unterricht (VU) - (im Gymnasium ab Klasse 7 geteilt in Vernetzung naturwissenschaftlich/VUn und Vernetzung geisteswissenschaftlich/­VUg) - und herkömmlicher Fachunterricht.


Der Morgenkreissteht am Beginn der Schulwoche, er soll sie rhythmisieren und ritualisieren und so zu einer eigenen Schulkultur beitragen. In seinem ureigenen Anliegen ist er ein Ort der vita contemplativa einer Katholischen Freien Schule. In seinem Zentrum stehen für LehrerInnen wie für SchülerInnen u.a. Stille, Rückbesinnung, innere Versammlung, Ausgeglichenheit und nicht zuletzt Beziehungsgestaltung. Inhaltlich orientiert sich der Morgenkreis vorrangig an den jeweiligen Bedürfnissen der SchülerInnen. Stilleübungen, meditatives Tun, Sinnesübungen, Übungen zur Körpersprache und zur Gesprächskultur, biblische Erzählungen, festliches Feiern u.a.m. sind selbstverständliche Bestandteile des Morgenkreises stets mit dem Ziel, zur Mitte und zu sich selbst zu finden.


Die Freie Stillarbeit (FSA) findet täglich zu Schulbeginn statt. In ihr arbeiten SchülerInnen altersentsprechend eigenständig, selbst organisiert, eigenverantwortlich, in erforderlicher Arbeitsruhe an von LehrerInnen bereitgestellten Materialien. Die sog. vorbereitetet Umgebung (Montessori) ist dabei von grundlegender Bedeutung. Pädagogisch stehen in der FSA die Individualität und die Personalität des Kindes bzw. des jungen Menschen im Mittelpunkt. Das hermeneutische Prinzip der FSA ist die verantwortete Freiheit (vgl. Gal. 5,13). Ihr existenzielles Prinzip ist die Selbsttätigkeit, die mit dem sichtbar hohen Arbeitsethos zu beträchtlicher Sozial- und Selbstkompetenz zu führen vermag.


Der Vernetzte Unterricht (VU) unternimmt den Versuch, die Welt der Sachen durch Zusammenbringen verstehbar zu ordnen. Der VU in der Primarstufe und Sekundarstufe I faßt daher die Fächer Sachunterricht (nur Grundschule), Religion, Erdkunde, Geschichte, Politik, Physik, Chemie, Biologie zusammen, strukturiert die ausgewählten Inhalte in den jeweiligen Vernetzten Unterrichtseinheiten so, daß die Dinge wechselseitig in ihren Zusammenhängen zu sehen, in ihrer Tiefendimension zu erkennen und zu verstehen sind und durch die besondere Weise der Verknüpfung - die Marchtaler Plan Pädagogik verwandte ab 1983 dafür in der Lehrplanarbeit erstmals den Begriff der Vernetzung - Antworten auf Sinnfragen ermöglichen. Ferner tragen alle Vernetzte Unterrichtseinheiten (VUE) durch die verbindlich ausgewiesenen religionspädagogischen Inhalte zu einer religiösen Erziehung bei, die als Prinzip den Unterricht und das gesamte Schulleben einer Katholischen Freien Schule mitgestaltet. Jede VUE ist sowohl fachwissenschaftlich als auch bezugswissenschaftlich - durchaus in anthropologisch-theologisch wie auch sachlicher begründeter Distanz zu sonstigen Lernzielbeschreibungen bzw. Lehrplantheorien gehalten - in den sogenannten Pädagogischen Fundamenten Grund gelegt.


In den Fächern Mathematik, Sport und Fremdsprachen findet der herkömmliche Fachunterricht mit der Maßgabe statt, daß ausgewählte Unterrichtsinhalte in die Freie Stillarbeit bzw. in den Vernetzen Unterricht eingebracht werden. Dies ist für die LehrerInnen eine ständig neue Aufgabe, die nicht durch Vorgaben der einzelnen Marchtaler Pläne geregelt ist. Für die Verwirklichung dieses gesamten konzeptualen Anspruches ist es im übrigen erforderlich, nicht vom gewohnten Funktionssystem Schule oder von fachwissenschaftlichen Ansprüchen aus, sondern Schule und Unterricht grundlegend vom Menschen her zu reflektieren. Das hat im Entstehungsprozeß der Marchtaler Pläne dazu geführt, die verschiedenen Elemente u.a. religionspädagogisch wie entwicklungspsychologisch zu überdenken. Alle Marchtaler Pläne gehen - und nur so sind sie auch letztlich verstehbar - unabdingbar von einer christliche Anthropologie aus, die den Menschen u.a. als ein einmaliges, unverwechselbares Geschöpf versteht, das zur „Freiheit berufen“ (Gal 5,13) ist. So gesehen ist die Frage nach der verantworteten Freiheit als der Frage nach dem Menschen das Kernanliegen des Gesamtkonzeptes Marchtaler Plan.


Hinweis: Die verschiedenen Marchtaler Pläne sind nicht im Buchhandel erhältlich. Anfragen daher bitte an: Bischöfliches Stiftungsschulamt, Postfach 9, 72108 Rottenburg am Neckar.


© Hans Gerst - 29. Februar 2000